Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.11.2005
Bei Büchern über Säufer gibt es eine Parallele zwischen Gegenstand und Autor, stellt die Rezensentin Nora Sdun fest: Sie teilen den großen Beschaffungseifer, der im einen Fall dem Alkohol, im anderen der Sprache gelte. So wird Alkoholismus zur "Metapher fürs Schreiben". Bei der viel gefeierten Autorin A.L. Kennedy ist er freilich entschieden sehr viel mehr als das, nämlich mit großer Radikalität geschilderte Realität. Ihr Heldin, die 36-jährige Schottin Hannah Luckraft, ist eine Frau, die trinkt wie ein Mann - "Whisky, nicht Likör" - und einen Mann liebt, der gleichfalls trinkt. Das klingt nach gleichen Interessen, bringt jedoch auch Probleme mit sich: "Immer ist einer nicht richtig betrunken." Sdun ist voller Respekt für Kennedy, die in "pfeilschneller Sprache" der naturgemäß verschwommenen Perspektive ihrer Heldin von Anfang bis Ende treu bleibt. Wie sie aus Wahrnehmungsfetzen einen "heilen Roman" konstruiert, das nötigt der Rezensentin großen Respekt ab, hindert sie aber nicht daran, es auch "unglaublich anstrengend" zu finden. Ihr Resümee fällt daher in Sachen Qualität zwar eindeutig positiv aus, nur Lektüre-Genuss verspricht das nicht: "Der Text ist extrem, und er ist klug und deprimierend."
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