Quatemberkinder: Und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte. Taschenbuch
Quatemberkinder sind nicht wie andere Kinder - sie leben nicht nur unter Menschen, sondern gleichzeitig in der wundersamen Welt der Sagen und Mythen. Ein solches Quatemberkind ist der Waisenknabe Melchior, genannt der Melk. Er verbringt die Jugend auf der Alp, zwischen rauhen Sennen und wilden Berggeistern, und trifft auf das unbändige Mädchen Vreneli. Bald sind die beiden unzertrennlich. Als aber das Vreneli nach dramatischen Ereignissen verschwindet, treibt es den Melk zu einer rastlosen Reise ...
Das lockend Füchsli
Der Melchior, genannt der Melk, war ein Quatemberkind. Das wird nur wenigen etwas bedeuten - sagen wir also, er sei ein trauriges Kind gewesen, ein weitsichtiges. Ein Kind, das Dinge sieht, die anderen verborgen bleiben. Der Graaggen Fidel zum Beispiel denkt, wenn er beim Einnachten von der oberen Weide heim auf den Talboden läuft, an eine warme Milch im Kacheli, vielleicht ans Musizieren mit Frau und Kind, manchmal, wenn es in einem Jahr enger wird, rechnet er auch an Milchabrechnung oder Kästeilet. Worüber der aber immer zu studieren hat, er nimmt die steile Flanke im Nu und denkt sich nichts dabei und jodelt stets schon im Hof ein erstes Musikalisches. Der Melk ist da anders. Der kann, wenn er nachts das Dutzend Schritte vom Stall ins Hüttli tut, nicht sicher sein, dass er vor dem Morgengrauen seine Ruhe findet. Dem streicht eines Abends eine Katze um die Beine und tut ihm. schön, und danach findet er plötzlich den Weg nicht mehr und irrt umher mit leerem Kopf, bis es ihm endlich einfällt, den linken Schuh mit dem rechten zu vertauschen und so den Zauber zu bannen - da ist er aber schon zwischen Fittereggli und Sittli und drei Stunden von Zuhaus. Der nimmt winters den gleichen Weg wie alle Fabrikkinder, und wie das Grüppli zum Dorfbrunnen kommt, tanzt darin splitternackt der Geist eines Älplers den Alt-Schottisch und maulörgelet dazu, den sieht aber niemand als der Melk. Quatemberkinder leben inmitten der Menschen und doch in einer anderen Welt. Denen sind Geister und Hexli und Schrättli so selbstverständlich wie anderen das Nachtgebet, vieles dafür bleibt ihnen fremd, was jeder sonst im Dorf für gottgegeben hält. Gewissheit um ein Kacheli mit warmer Milch zum Beispiel, oder dass der kürzer Weg auch stets der gschwinder sei, kann es für ein Quatemberkind nicht geben. Das wird nie sein Heimetli haben und Frau und Kind in alle Ewigkeit und den Segen des Herrn Pfarrer. Das lebt zusammen mit Wassernixli und Hornmelkern in Geissengestalt und mit zum Leben erweckten Heubaben, das ist so seine Gesellschaft - von denen lernt es, was es zum Leben braucht, und denen schuldet es am Ende seinen Tod. Nun ist es allerdings nicht so, dass irrende Seelen und Toggeli und Geister in Tiergestalt nur den Quatemberkindern erschienen. Wer immer in die Alpen steigt, wie sie um die alten Orte Uri und Schwyz herum stehen oder im Glarnerland, der kann vor dem geschundenen Ochs nicht sicher sein, der seine Haut am Schwanz nachzieht. Dem begegnet auf seinem Weg eine Riesin mit reichlich zwei Mass Salz in Säcken auf dem Kopf, die strickt beim Aufstieg noch an einem roten Socken, und mancher ist schon im Schreck ob ihrem Anblick zu Tal gestürzt. Selbst den kopflosen Schimmel hat auch der eine oder andere Fremde talwärts traben sehen, von der Mugiweid in der Stotzigwaldrisi nach Netstal herab durch die Blänklirus, wo er dann nachts die Fensterläden aushängt. Und ein Toggeli oder ein Schrättli hat schon fast jeder auf sich gespürt, das sich ihm in kalten Bergnächten warm und schwer auf die Brust legte und ihm die Luft abdrückte. In den Alpen gibt es mehr Leben als nur die Menschen, das Veh und die Gämsen, das ist bekannt. Vieles, wenn nicht das meiste, bleibt gewöhnlichen Menschen aber verborgen, und wer kein Quatemberkind ist, wird mir kaum Glauben schenken, wenn ich von einem Boz erzähle, das sich zum Abendbrot die eigenen Haxen röstet, oder von einer russischen Popentochter, die weit ins Glarner Gebirge ins Bad Stachelberg reist, um dort ein Mann zu werden, und der Melk verkauft ihr zu diesem Zweck noch seine liebste Kuh. Manch einem mag aber auch aufgehen, dass er am End selber ein Quatemberkind ist und es nur noch nicht wusste, und er wird sich daran freuen, wie der Melk mit einer Heugabel gegen das Mendrisch kämpft und einem lieblichen Echo verfällt, das ihm als Nebelchen mit goldenen Fussstapfen erscheint, wie ihn ob einem brünnigen Gletscher ganz fürchterlich das Sehnen überkommt und wie er einen Venediger zum Freund gewinnt und den Hörnlimann zu Diensten und das Vreneli zu seiner Lehrmeisterin, und wie die Vriinä ihm nicht nur das Zaubern beibringt, sondern auch Sachen, von denen ich gar nicht erzählen kann - sonst schimpft man mich schon einen Säuniggel, bevor das Buch noch recht begonnen hat.