Tomi Ungerer – Originalzeichnung mit persönlichem Bezug zu Daniel Keel (Diogenes Verlag) mit Passepartout in Goldrahmen, 40 x 52 cm, signiert mit Bleistift
Feder- und Pinselzeichnung mit kolorierten Partien auf Papier.
Die bislang unbetitelte Originalzeichnung gehört zu den erzählerisch dichtesten Arbeiten Tomi Ungerers. Mit seinem unverwechselbaren Strich verbindet der Künstler Humor, Menschenkenntnis und feine Gesellschaftskritik zu einer Szene, die weit über eine alltägliche Strassenszene hinausgeht.
Im oberen Bildbereich zieht eine Gruppe von Menschen an einem grossen Schaufenster vorbei. Erwachsene und Kinder bewegen sich mit Paketen und Geschenken durch die Strasse. Ein Kinderwagen ist bis oben mit Geschenken beladen, Menschen begegnen sich flüchtig, während andere bereits weitergehen. Die Szene erinnert an das geschäftige Treiben einer Einkaufsstrasse, möglicherweise in der Vorweihnachtszeit. Trotz der Vielzahl der Figuren besitzt jede einzelne ihre eigene Persönlichkeit – mit wenigen Strichen gelingt es Ungerer, individuelle Charaktere entstehen zu lassen.
Besonders bemerkenswert ist die Figur links, die gerade mit einem Paket unter dem Arm einen Laden verlässt. Dieselbe Figur erscheint wenige Schritte später nochmals. Diese doppelte Darstellung dürfte kaum zufällig sein und kann als augenzwinkernde Anspielung auf Daniel Keel, den Gründer des Diogenes Verlags und langjährigen Freund sowie wichtigsten Verleger Tomi Ungerers, verstanden werden. Über Jahrzehnte verband beide eine aussergewöhnlich enge Zusammenarbeit und persönliche Freundschaft.
Dieser untere Bildbereich eröffnet eine zweite Erzählebene. Während der Mann ein auffallend grosses Geschenk mit rosafarbener Schleife trägt, wird ein kleines Mädchen offenbar unabsichtlich von ihm angerempelt oder weggeschoben. Tomi Ungerer hat diese Person mit einem Bleistiftpfeil und der handschriftlichen Notiz „D. Keel“ gekennzeichnet. Dabei gerät die Schachtel des Kindes mit ihren Bauklötzen aus dem Gleichgewicht; einzelne Steine fallen heraus und verteilen sich auf dem Boden. Das Mädchen wirkt überrascht und nachdenklich. Der Mann scheint den Vorfall gar nicht zu bemerken und setzt seinen Weg unbeirrt fort.
Gerade in diesem kleinen Augenblick entfaltet sich die eigentliche Aussage der Zeichnung. Ungerer stellt dem geschäftigen Strom der Erwachsenen die Verletzlichkeit eines Kindes gegenüber. Die Erwachsenen sind mit ihren Einkäufen, Paketen und eigenen Zielen beschäftigt, während das Kind unbeabsichtigt an den Rand gedrängt wird. Ohne Pathos und ohne moralischen Zeigefinger zeigt Ungerer, wie leicht im Alltag Rücksicht, Aufmerksamkeit und Mitgefühl verloren gehen können. Seine Gesellschaftskritik bleibt dabei leise, humorvoll und zugleich tief menschlich.
Die mit Bleistift eingetragene Bezeichnung „D. Keel“ verleiht der Zeichnung eine besondere dokumentarische Bedeutung. Solche persönlichen Hinweise des Künstlers finden sich auf Originalzeichnungen vergleichsweise selten. Sie schaffen eine unmittelbare Verbindung zur jahrzehntelangen Zusammenarbeit zwischen Tomi Ungerer und Daniel Keel und verleihen dem Blatt einen zusätzlichen kulturhistorischen Wert.
Stilistisch vereint die Zeichnung alle Merkmale, für die Tomi Ungerer international geschätzt wird: den sicheren, lebendigen Federstrich, den sparsamen, wirkungsvollen Farbeinsatz, den feinen Humor und die aussergewöhnliche Fähigkeit, in einer scheinbar alltäglichen Szene eine vielschichtige Geschichte über das menschliche Miteinander zu erzählen.
Gerade die handschriftliche Kennzeichnung „D. Keel“ macht dieses Blatt aussergewöhnlich. Sie verweist nicht nur auf Daniel Keel als Gründer des Diogenes Verlags, sondern dokumentiert zugleich die enge persönliche Beziehung zwischen Künstler und Verleger. Dass Keel innerhalb der Zeichnung sogar zweimal erscheint, deutet auf eine bewusste erzählerische Entscheidung Ungerers hin und verleiht dem Werk einen besonderen Reiz für Sammler, Museen und Kenner des Diogenes-Umfelds.
Tomi Ungerer (1931–2019)
Unbetitelte Originalzeichnung. Feder, Tusche und kolorierte Lavierung auf Papier.
Ich halte diese Zeichnung für weit mehr als eine Illustration. Sie wirkt wie eine kleine erzählte Parabel über den modernen Alltag: über Hektik und Konsum, über Unachtsamkeit und Mitgefühl – und zugleich wie eine sehr persönliche Hommage Tomi Ungerers. Gerade diese Verbindung aus erzählerischer Qualität und persönlicher Widmung macht das Blatt aus kunsthistorischer Sicht besonders reizvoll.
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